Ratgeber · 9 Minuten
Heizkurve einstellen: die Wärmepumpe über einen Winter optimieren
Die Heizkurve ist die einzige Einstellung, mit der Sie ohne Handwerker und ohne Investition dauerhaft Strom sparen. Sie richtig zu treffen, dauert allerdings keinen Nachmittag, sondern eine Heizperiode – weil jede Änderung erst zwei Tage später im Wohnzimmer ankommt.
Was die Heizkurve wirklich regelt
Eine Wärmepumpe weiß nicht, wie warm es in Ihrem Wohnzimmer ist. Sie weiß, wie kalt es draußen ist – und leitet daraus ab, wie heiß das Heizwasser sein muss. Diese Zuordnung ist die Heizkurve: eine Gerade, die jeder Außentemperatur eine Vorlauftemperatur zuweist. Bei 12 Grad draußen vielleicht 28 Grad Vorlauf, bei minus 10 Grad vielleicht 50.
Diese sogenannte witterungsgeführte Regelung ist deshalb so wichtig, weil die Effizienz einer Wärmepumpe fast vollständig an der Vorlauftemperatur hängt. Je kleiner der Temperaturhub zwischen Außenluft und Heizwasser, desto weniger Strom kostet jede Kilowattstunde Wärme. Der Zusammenhang ist physikalisch und in unserem Grundlagenartikel zur Jahresarbeitszahl hergeleitet. Praktisch heißt er: Eine zu hoch eingestellte Heizkurve verbrennt das ganze Jahr über Geld, ohne dass es jemand merkt – es ist ja warm.
Die zwei Regler: Steilheit und Niveau
Eine Gerade ist durch zwei Angaben beschrieben, und genau zwei Regler bietet jede Regelung an – wenn auch unter wechselnden Namen.
- Steilheit (auch Neigung, Gradient oder Heizkurve im engeren Sinn) bestimmt, wie stark die Vorlauftemperatur steigt, wenn es draußen kälter wird. Sie ist die Antwort auf Frost.
- Niveau (auch Parallelverschiebung, Offset oder Sockel) hebt oder senkt die gesamte Kurve, ohne ihre Form zu ändern. Bei vielen Geräten verändert auch die eingestellte Raumsolltemperatur nichts anderes als dieses Niveau.
Ein verbreiteter Stolperstein: Nicht jeder Hersteller nennt eine Steilheitszahl. Manche Regelungen lassen Sie stattdessen zwei Punkte eingeben – etwa die gewünschte Vorlauftemperatur bei Normaußentemperatur und am Fußpunkt. Das ist dieselbe Gerade in anderer Schreibweise. Prüfen Sie im Handbuch, welche Logik Ihr Gerät verwendet, bevor Sie Werte aus dem Internet übernehmen.
Als Startpunkte kursieren je nach Quelle unterschiedliche Spannen; die folgenden Größenordnungen decken sich in den meisten Herstellerunterlagen:
| Heizflächen | Typische Steilheit | Vorlauf am Auslegungspunkt |
|---|---|---|
| Fußboden- oder Wandheizung | rund 0,3 bis 0,5 | 30–40 °C |
| Große oder getauschte Heizkörper | rund 0,6 bis 0,9 | 40–48 °C |
| Normale Heizkörper im Bestand | rund 0,8 bis 1,2 | 50–58 °C |
| Alte, kleine Heizkörper | rund 1,2 bis 1,6 | 60–65 °C |
Die Zahlen sind ein Anfang, kein Ziel. Welche Kurve Ihr Haus braucht, hängt von seiner Heizlast und seinen Heizflächen ab – und die kennt keine Tabelle. Wenn Ihre Anlage dauerhaft in der letzten Zeile landet, ist nicht die Regelung das Problem, sondern die Heizfläche: Dann lohnt sich der Blick in den Ratgeber zu den passenden Heizkörpern, denn zwei getauschte Heizkörper wirken stärker als jede Feinjustage.
Was vor dem ersten Dreh stimmen muss
Drei Dinge entscheiden darüber, ob das Justieren überhaupt aussagekräftig ist.
- Thermostatventile ganz öffnen. In allen Räumen, die nach Plan warm sein sollen. Ein zugedrehtes Ventil verfälscht jede Beobachtung: Der Raum bleibt kühl, obwohl die Kurve reicht. Räume, die dauerhaft kühler bleiben sollen – Schlafzimmer, Gästezimmer – bleiben gedrosselt, zählen dann aber auch nicht als Maßstab.
- Einen Referenzraum festlegen. Der Raum, der erfahrungsgemäß als Erster auskühlt, meist ein Nordzimmer mit viel Außenwand. An ihm wird gemessen, nicht am Wohnzimmer mit Kaminofen und Südfenster. Legen Sie ein einfaches Thermometer hinein, in Kopfhöhe und nicht über einem Heizkörper.
- Hydraulischen Abgleich klären. Ist er nicht gemacht, bekommen einzelne Räume systematisch zu wenig Wärme – und Sie werden die Kurve so weit hochdrehen, bis auch der schlechteste Raum versorgt ist. Der Abgleich ist ohnehin Voraussetzung der Heizungsförderung; ohne ihn optimieren Sie am falschen Ende.
Die Anleitung über einen Winter
Der Ablauf folgt der Logik der beiden Regler: Erst das Niveau in der Übergangszeit, dann die Steilheit bei Frost. Beides gleichzeitig zu ändern, ist der sicherste Weg, hinterher nichts zu wissen.
Phase 1 – Oktober bis November, das Niveau. Bei Außentemperaturen zwischen 8 und 12 Grad prüfen Sie den Referenzraum. Ist er zu warm, senken Sie das Niveau um zwei bis drei Grad Vorlauf (oder die Raumsolltemperatur um ein halbes Grad). Ist er zu kühl, heben Sie es im selben Schritt an. Dann 48 Stunden warten, erneut messen, wiederholen – bis der Referenzraum in der Übergangszeit stimmt.
Phase 2 – Dezember bis Februar, die Steilheit. Warten Sie eine Frostperiode ab, idealerweise mehrere Tage unter null Grad. Wird es im Referenzraum jetzt zu kühl, obwohl die Übergangszeit passte, ist die Kurve zu flach: Steilheit um 0,1 erhöhen. Wird es jetzt zu warm, senken Sie um 0,1. Auch hier gilt: ein Schritt, 48 Stunden, messen.
Phase 3 – die letzten zwei Grad. Wenn beide Punkte sitzen, senken Sie das Niveau noch einmal um ein Grad und beobachten eine Woche. Bleibt es angenehm, wiederholen Sie es. Der Punkt, an dem der Referenzraum seine Temperatur an einem kalten Abend gerade nicht mehr hält, ist die Untergrenze – gehen Sie ein Grad zurück und lassen Sie es dort.
Das Protokoll
Ohne Notizen verlieren Sie nach dem dritten Schritt den Überblick. Fünf Spalten genügen, auf Papier oder im Handy:
| Datum | Außen (Tagesmittel) | Steilheit / Niveau | Referenzraum | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| 18.10. | 10 °C | 0,9 / ±0 | 22,4 °C | zu warm |
| 21.10. | 9 °C | 0,9 / −3 K | 21,3 °C | passt |
| 09.01. | −4 °C | 0,9 / −3 K | 20,1 °C | zu kühl |
| 13.01. | −5 °C | 1,0 / −3 K | 21,0 °C | passt |
Notieren Sie zusätzlich einmal im Monat den Zählerstand des Wärmepumpenstroms. Nur so unterscheiden Sie am Ende eine echte Verbesserung von einem milden Winter.
Passender RechnerWelche Vorlauftemperatur Ihr Haus brauchtDer Eignungs-Check bewertet Heizflächen, Dämmzustand und Abgleich – und nennt die Auslegungstemperatur, auf die Ihre Heizkurve am Ende zielen sollte.Was das Absenken wirklich bringt
Die verbreitete Faustregel lautet: rund 2,5 Prozent weniger Strom je Grad. Sie stimmt – aber sie bezieht sich auf die mittlere Vorlauftemperatur über die Heizperiode, nicht auf den Auslegungspunkt, den Sie in der Regelung sehen. Weil die Kurve nur an den kältesten Tagen ihren Höchstwert erreicht, schlägt eine Absenkung am Auslegungspunkt im Mittel nur zu etwa 70 Prozent durch.
Mit den Werten unseres Anlagenmodells für eine Luft-Wasser-Wärmepumpe ergibt das folgendes Bild:
| Auslegungsvorlauf | Mittlerer Vorlauf | Jahresarbeitszahl (Heizung) |
|---|---|---|
| 65 °C | 51,5 °C | rund 2,6 |
| 60 °C | 48,0 °C | rund 2,8 |
| 55 °C | 44,5 °C | rund 2,9 |
| 50 °C | 41,0 °C | rund 3,1 |
| 45 °C | 37,5 °C | rund 3,3 |
| 35 °C | 30,5 °C | rund 3,9 |
Von 55 auf 50 Grad Auslegungsvorlauf sind das rund 6 Prozent weniger Strom. Bei 6.000 Kilowattstunden Wärmepumpenstrom im Jahr und 25 Cent je Kilowattstunde entspricht das etwa 350 Kilowattstunden oder knapp 90 Euro jährlich. Das ist ein solides Ergebnis für ein paar Abende Geduld – aber es ist nicht die Halbierung der Stromrechnung, die manche Ratgeber versprechen.
Der größere Hebel liegt eine Stufe davor: Wer durch getauschte Heizkörper oder eine gedämmte Hülle überhaupt erst von 65 auf 50 Grad kommt, spart rund 15 Prozent. Die Heizkurve holt das heraus, was die Anlage hergibt – sie macht aus einer schlecht ausgelegten Anlage keine gute. Wie sich die Prozente in Kilowattstunden übersetzen, zeigt der Ratgeber zum Stromverbrauch einer Wärmepumpe.
Nachtabsenkung, Takten, Warmwasser
Nachtabsenkung ist die Einstellung, die am häufigsten falsch gesetzt wird. Was nachts eingespart wird, muss morgens mit erhöhter Vorlauftemperatur nachgeholt werden – meist zur kältesten Stunde des Tages, also im ungünstigsten Betriebspunkt. Bei trägen Fußbodenheizungen kommt die Absenkung ohnehin erst an, wenn sie schon wieder endet. Wenn überhaupt, dann ein bis zwei Grad; ganz abschalten lohnt bei einer Wärmepumpe nicht.
Takten – häufiges Ein- und Ausschalten des Verdichters – ist oft die Folge einer zu hohen Heizkurve in milden Phasen: Die Anlage erzeugt mehr Wärme, als das Haus abnimmt, und schaltet ab. Eine flachere Kurve ist deshalb nicht nur effizienter, sondern auch schonender. Bleibt das Takten trotz gut eingestellter Kurve bestehen, liegt es meist an zu wenig Wasserinhalt oder an zu vielen geschlossenen Ventilen – ein Thema für den Fachbetrieb.
Warmwasser läuft unabhängig von der Heizkurve. Es braucht rund 50 bis 55 Grad und zieht die Gesamtarbeitszahl nach unten, gerade in gut gedämmten Häusern. Hier gilt: Solltemperatur nicht höher als nötig, aber die Legionellenfunktion der Anlage nicht abschalten.
Passender RechnerWas die gesparten Grad über 20 Jahre bedeutenDer Kostenvergleich rechnet Wärmepumpe gegen Gas und Öl – Sie können Arbeitszahl und Strompreis frei setzen und sehen, wie stark die Heizkurve auf die Gesamtrechnung wirkt.Fünf Fehler, die den Winter kosten
- Zwei Werte gleichzeitig ändern. Steilheit und Niveau zusammen zu verstellen, macht das Ergebnis uninterpretierbar. Immer nur eine Schraube je Schritt.
- Zu früh nachjustieren. Nach zwei Stunden ist nichts zu sehen. Wer trotzdem dreht, jagt die Anlage zwischen zu warm und zu kalt hin und her.
- Thermostate als Regler benutzen. Zugedrehte Ventile verstecken eine zu hohe Kurve. Sie kosten Effizienz, weil die Anlage weiter heißes Wasser bereitstellt, das niemand abnimmt.
- Werte aus dem Forum übernehmen. Eine „0,4“ bedeutet bei zwei Herstellern zwei verschiedene Kurven – und das fremde Haus hat eine andere Heizlast als Ihres.
- Am Ende nichts dokumentieren. Ohne Protokoll beginnt die Arbeit im nächsten Winter von vorn, und beim nächsten Service weiß niemand, warum die Kurve so steht, wie sie steht.
Häufige Fragen
Welche Heizkurve ist bei einer Wärmepumpe richtig?
Die flachste und niedrigste, bei der noch jeder Raum seine Wunschtemperatur erreicht – ohne dass ein Thermostatventil zudrosseln muss. Einen allgemeingültigen Zahlenwert gibt es nicht: Er hängt von Heizlast, Heizflächen und Regelungshersteller ab. Als Startpunkt gelten für Fußbodenheizungen Steilheiten um 0,3 bis 0,5 und für normale Heizkörper um 0,8 bis 1,2. Diese Werte sind ein Anfang, kein Ergebnis – das Ergebnis liefert erst der eigene Winter.
Steilheit oder Parallelverschiebung – was muss ich ändern?
Das entscheidet die Außentemperatur, bei der es nicht passt. Ist es in der Übergangszeit bei 8 bis 12 Grad draußen ebenso zu warm oder zu kalt wie bei Frost, stimmt das Niveau nicht: Verschieben Sie die Kurve parallel. Ist es in der Übergangszeit angenehm und erst bei Frost zu kühl, ist die Kurve zu flach: Erhöhen Sie die Steilheit. Umgekehrt gilt dasselbe – mild passend, bei Frost zu warm heißt Steilheit senken.
Wie lange muss ich nach einer Änderung warten?
Mindestens 48 Stunden, bei Fußbodenheizung und schweren Massivbauten eher drei Tage. Das Gebäude ist ein Speicher: Eine Änderung der Vorlauftemperatur erreicht die Raumtemperatur mit deutlicher Verzögerung. Wer nach zwei Stunden nachjustiert, regelt gegen die Trägheit an und landet in einem Schwingen zwischen zu warm und zu kalt. Ändern Sie außerdem immer nur einen Wert – sonst wissen Sie hinterher nicht, was gewirkt hat.
Wie viel Strom spart eine niedrigere Heizkurve wirklich?
Als Faustregel gelten rund 2,5 Prozent je Grad – allerdings bezogen auf die mittlere Vorlauftemperatur über die Heizperiode, nicht auf den Auslegungspunkt. Wer die Kurve so absenkt, dass der Auslegungspunkt 5 Grad tiefer liegt, senkt das mittlere Niveau nur um etwa 3,5 Grad und spart rund 6 Prozent. Bei 6.000 Kilowattstunden Wärmepumpenstrom sind das etwa 350 Kilowattstunden oder knapp 90 Euro im Jahr. Solide, aber keine Halbierung der Rechnung.
Ist eine Nachtabsenkung bei der Wärmepumpe sinnvoll?
Meist nicht. Was nachts an Wärme gespart wird, muss morgens mit höherer Vorlauftemperatur nachgeholt werden – und genau dann arbeitet die Wärmepumpe am ineffizientesten, oft bei den kältesten Außentemperaturen des Tages. Bei Fußbodenheizung kommt die Trägheit dazu: Die Absenkung wirkt erst, wenn sie schon wieder aufgehoben werden müsste. Wenn überhaupt, senken Sie um ein bis zwei Grad, nicht mehr.
Kann ich die Heizkurve selbst verstellen oder verliere ich Gewährleistung?
Heizkurve, Niveau und Raumsolltemperatur liegen in jeder Regelung in der Nutzerebene und dürfen von Betreibern verändert werden – das ist der vorgesehene Bedienweg. Finger weg von der Fachmann- oder Serviceebene mit Verdichter-, Abtau- und Sicherheitsparametern: Dort können Sie die Anlage beschädigen und die Gewährleistung berühren. Notieren Sie vor der ersten Änderung die Ausgangswerte, dann ist jeder Schritt umkehrbar.